So misst du richtig
Die Messstelle entscheidet über das Ergebnis. Zwei Zentimeter mehr oder weniger am Taillenumfang verschieben beide Verhältniszahlen sichtbar. Die folgenden Schritte sind das Messprotokoll aus dem WHO-Report, Abschnitte 2.5 und 5.2:
- Taille: in der Mitte zwischen der untersten tastbaren Rippe und der Oberkante des Beckenkamms, seitlich auf Höhe der mittleren Achsellinie. Das ist meist etwas oberhalb des Bauchnabels.
- Hüfte: am größten Umfang über dem Gesäß.
- Maßband: dehnungsfrei, waagerecht zum Boden, straff anliegend, ohne einzuschneiden.
- Atmung: am Ende einer normalen Ausatmung ablesen. Bauch nicht einziehen, Bauchdecke locker lassen.
- Haltung: aufrecht stehen, Arme locker an der Seite, Füße dicht beieinander, Gewicht gleichmäßig auf beiden Beinen, möglichst wenig Kleidung darunter.
- Kontrolle: jede Stelle zweimal messen. Liegen die Werte höchstens 1 cm auseinander, nimm den Mittelwert. Ist der Abstand größer, miss beide noch einmal.
In der Schwangerschaft sagen Taillen- und Hüftumfang nichts über die Fettverteilung aus, die Rechnung ist dort nicht anwendbar. Auch für Kinder und Jugendliche gelten die Schwellen auf dieser Seite nicht; NICE führt für Kinder ab fünf Jahren eine eigene Empfehlung (NG246, Empfehlung 1.10.10).
Die drei Formeln
- WHR = Taillenumfang (cm) geteilt durch Hüftumfang (cm)
- WHtR = Taillenumfang (cm) geteilt durch Körpergröße (cm)
- Bauchumfang = der gemessene Taillenumfang in cm, ohne Umrechnung
Beide Verhältniszahlen stehen in dieser Form in der deutschen S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“ (Stand Oktober 2024). Ein Beispiel von Hand: 92 cm Taille geteilt durch 105 cm Hüfte ergibt 0,876, gerundet 0,88. Dieselben 92 cm geteilt durch 178 cm Körpergröße ergeben 0,517, gerundet 0,52.
Beispielwerte für das Taille-Hüft-Verhältnis
| Taille | Hüfte | WHR |
|---|---|---|
| 80 cm | 100 cm | 0,80 |
| 88 cm | 104 cm | 0,85 |
| 92 cm | 105 cm | 0,88 |
| 100 cm | 104 cm | 0,96 |
Die Schwellen der WHO
Der Report „Waist Circumference and Waist-Hip Ratio“ einer WHO-Expertenkonsultation (Genf, 8. bis 11. Dezember 2008, veröffentlicht 2011) trägt die gebräuchlichen Schwellenwerte in Anhang A, Tabelle A1 zusammen:
| Kennzahl | Männer | Frauen |
|---|---|---|
| Taille-Hüft-Verhältnis (WHR) | ab 0,90 | ab 0,85 |
| Bauchumfang, erste Schwelle | über 94 cm | über 80 cm |
| Bauchumfang, zweite Schwelle | über 102 cm | über 88 cm |
Ein Detail, das viele Rechner weglassen: Diese Werte gehen auf zwei ältere WHO-Berichte von 1999 und 2000 zurück. Der Report von 2008 hält ausdrücklich fest, dass die geschlechtsspezifischen Werte für den Bauchumfang im Bericht von 2000 als Beispiel gedacht waren und keine WHO-Empfehlung darstellten. Die Konsultation selbst hat keine neuen Schwellen beschlossen, sondern ein Verfahren empfohlen, wie belastbare Werte entstehen sollen. Sie weist außerdem darauf hin, dass die Werte aus Untersuchungen überwiegend europäischstämmiger Bevölkerungen stammen und für andere Herkunft anders ausfallen können; die International Diabetes Federation nennt für Menschen aus Südasien, China und Japan zum Beispiel 90 cm für Männer statt 94 cm.
WHtR: Taille unter der halben Körpergröße
Beim Taille-Größe-Verhältnis gilt für Frauen und Männer dieselbe Zahl. Margaret Ashwell und Shiun Dong Hsieh haben 2005 den Grenzwert 0,5 vorgeschlagen und daraus einen Satz gemacht, den man sich merken kann: Halte deinen Taillenumfang unter der Hälfte deiner Körpergröße. Eine systematische Übersicht über 78 Studien kam 2010 auf einen mittleren Grenzwert von 0,50 für Männer und 0,50 für Frauen. Die deutsche S3-Leitlinie nennt ebenfalls 0,5 für beide Geschlechter.
| Körpergröße | Taille bei WHtR 0,5 | Taille bei WHtR 0,6 |
|---|---|---|
| 160 cm | 80 cm | 96 cm |
| 170 cm | 85 cm | 102 cm |
| 175 cm | 87,5 cm | 105 cm |
| 180 cm | 90 cm | 108 cm |
| 190 cm | 95 cm | 114 cm |
Das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) hat diese Zahl 2022 in seine Leitlinie übernommen und teilt den WHtR seither in drei Stufen ein. Die Empfehlung steht heute in der Leitlinie NG246 „Overweight and obesity management“ (veröffentlicht am 14. Januar 2025, zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2026), Empfehlung 1.9.14. Sie gilt für Erwachsene mit einem BMI unter 35, für beide Geschlechter, für alle Herkünfte und auch für Menschen mit viel Muskelmasse:
| WHtR | Einteilung nach NICE |
|---|---|
| unter 0,4 | liegt unterhalb der Spanne, die NICE einteilt |
| 0,4 bis 0,49 | „healthy central adiposity“, also unauffällige zentrale Fettverteilung |
| 0,5 bis 0,59 | „increased central adiposity“, also erhöhte zentrale Fettverteilung |
| 0,6 und mehr | „high central adiposity“, also hohe zentrale Fettverteilung |
Ändert sich der Grenzwert mit dem Alter?
Die NICE-Einteilung kennt keine Altersstufen. Eine Auswertung zweier deutscher Kohorten mit gut 10.000 Teilnehmenden (Schneider und Kolleginnen und Kollegen, 2010) kam dagegen auf Grenzwerte, die mit dem Alter steigen: 0,5 bis 40 Jahre, 0,6 ab 50 Jahren, und dazwischen liegt der Wert nach Angabe der Autoren irgendwo zwischen 0,5 und 0,6. Die Autoren nennen ihre Zahlen selbst grobe Schätzungen und halten weitere Studien für nötig. Die deutsche S3-Leitlinie greift den Gedanken auf und schreibt, künftig sollten altersabhängige Grenzwerte verwendet werden. Der Rechner zeigt dir diese Einordnung als zweite Zeile an, sobald du dein Alter einträgst. Die häufig zu lesende Regel, der Grenzwert steige zwischen 40 und 50 pro Lebensjahr um genau 0,01, steht so nicht in der Arbeit; sie ist eine Interpolation, deshalb rechnet diese Seite sie nicht aus.
Was die Zahlen leisten und was nicht
Alle drei Werte beschreiben Umfänge, keine Körperzusammensetzung. Sie unterscheiden nicht zwischen Fettgewebe und Muskulatur und sagen nichts darüber, was in deinem einzelnen Fall dahintersteht. Die deutsche S3-Leitlinie stuft die Empfehlung, Taille und Hüfte zusätzlich zu Gewicht und Größe zu bestimmen, mit dem Empfehlungsgrad 0 ein, also als Möglichkeit und nicht als Pflichtprogramm. Sinnvoll wird die Messung vor allem im Verlauf: derselbe Messpunkt, dieselbe Tageszeit, dieselbe Methode, alle paar Wochen. Für die Einordnung von Gewicht und Größe gibt es den BMI-Rechner, und wenn du Hals und Bauch ohnehin schon misst, schätzt der Körperfettanteil-Rechner aus denselben Maßen deinen Körperfettanteil.